GOETHE UND DIE SCHWEIZ

Goethes Schweizer Reisen sind so gut dokumentiert, dass sie sich auch heute noch nachvollziehen lassen – allerdings wird Manches nicht mehr den damaligen Erfahrungen entsprechen. Das gilt auch für die Wanderung zum Gotthardpass, den Goethe dreimal erstiegen, aber nie überquert hat. Der untenstehende Text spielt mit den reizvollen Kontrastwirkungen, die sich daraus ergeben. Mehr zu Goethes Schweizer Reisen finden Sie hier.


            MIT GOETHE ZUM GOTTHARD
            Die Wiederholung einer Fussreise nach 225 Jahren

            von Margrit Wyder  (Neue Zürcher Zeitung, 6. Juli 2000)

Wenn er noch einmal wiederkäme? An einem schönen Sommernachmittag plötzlich dastehen würde an der Reling eines Vierwaldstättersee-Dampfers? Er wäre ein alter, aber noch rüstiger Herr im dunklen Gehrock, die weissen Locken etwas zerzaust vom Fahrtwind. Wehmütig schmunzelnd würde er sich daran erinnern, wie er am 19. Juni 1775 erstmals diesen See befahren hat, als 25-jähriger Rechtsanwalt aus Frankfurt, unterwegs zum Gotthard. Auch auf seiner zweiten Schweizer Reise von 1779 hat Johann Wolfgang Goethe, vom Furkapass her kommend, den Gotthard bestiegen. Zum dritten Mal ist er im Herbst 1797 auf den Pass gewandert nun schon ein Tourist seiner selbst, auf den Spuren der früheren Eindrücke. Und jetzt spürt er offenbar erneut «ein wundersames Verlangen, jene Erfahrungen zu wiederholen und zu rektifizieren», wie er damals an Schiller schrieb.


Altdorf würde er kaum mehr erkennen

Im «Schwarzen Löwen» zu Altdorf, wo er 1797 abgestiegen ist, bekäme er natürlich wieder das nach ihm benannte Goethe-Zimmer. Den Urner Hauptort würde er kaum mehr erkennen: Denn nur zwei Jahre nach diesem letzten Besuch brannte Altdorf bis auf wenige Häuser ab und wurde im klassizistischen Stil wieder aufgebaut. Sollte Goethe am anderen Morgen Richtung Amsteg aufbrechen wollen, so würden wir ihm dafür den Wanderweg auf der westlichen Talseite, via Attinghausen, empfehlen. Denn die Route des einstigen rechtsufrigen Gotthardweges wird nun vom Autoverkehr beansprucht. Allerdings ist auch links der Reuss die Neuzeit präsent. Nur selten vermag der Fluss das Dröhnen der Lastwagen, den modernen Säumerverkehr auf der A 2, zu übertönen.

In Erstfeld, das wir nach zwei Stunden erreichen, steht nah an der Reuss die barocke Jagdmattkapelle, das einzige Gotteshaus in Uri, das Goethe beschreibenswert fand. Er besuchte die «artig bemalte saubere Kirche» 1797 sowohl auf dem Hin- wie auf dem Rückweg und wunderte sich: «Die Kirche war offen und geputzt, niemand weit und breit, der darauf achtgehabt hätte.» Das ist auch heute nicht anders.

Von Erstfeld bis Silenen halten wir uns an die rechtsufrige Wanderweg-Markierung, die zuerst auf dem Reussdamm verläuft und bei der Ellbogen-Kapelle gegen den Hang ausweicht. Im Neat-Informationspavillon der Alp Transit an der Kantonsstrasse, vis-à-vis vom Gemeindehaus Silenen, hat man Goethes frühere Besuche in dieser Gegend nicht vergessen. Eine Tafel weist darauf hin, dass er in Amsteg «genüsslich eine gebackene Forelle verzehrt» hat. Das weckt den Appetit, und nachdem wir vom konservierten Rest des ehemaligen Saumwegs in Silenen Dörfli direkt auf die staubige Tunnelbaustelle des «Zwischenangriffs Amsteg» geraten sind, ist auch der Durst entsprechend. Hier soll in nächster Zeit ein Informations-Parcours angelegt werden, der über die Bauarbeiten am mit 57 Kilometern längsten Tunnel der Welt Auskunft geben wird. - Was sagt Goethe, den schon das 61 Meter lange Urnerloch «verdriesslich» stimmte, wohl zu diesem Projekt?
Aufatmend erkennt der Dichter in Amsteg das Wirtshausschild des Hotels Stern und Post wieder und lässt sich wie einst in der getäferten Gaststube im ersten Stock zum Mittagessen nieder. Die Inneneinrichtung in diesem einzigen original erhaltenen Posthaus an der Gotthardstrecke stammt aus dem Jahre 1789, und das Hotel Stern und Post ist noch im Besitz derselben Wirtefamilie wie zu Goethes Zeiten. Mit Elisabeth Tresch, der jetzigen Inhaberin, plaudert er sicher gern über ihre Vorfahren, zu denen auch ein Kriegsveteran von Marignano gehört. Manchmal werden hier dem berühmten Gast zu Ehren auch Goethe-Menus angeboten.

Gleich hinter Amsteg beginnt der eigentliche Anstieg zum Pass. Die historische Route führt durch die Weiler Vorder- und Hinterried, hoch über den anderen Verkehrswegen, die sich hier durchs enge Tal winden. Ganz unten schäumt die Reuss, die den Zugang nach Süden in grauer Vorzeit eröffnet hat. Auf dieser Strecke, wo drei gefährliche Lawinenzüge von den Flanken des Bristenstocks herunterführen, erzählt uns Goethe, was er am Nachmittag des 20. Juni 1775 erlebte: «Eine Reihe Saumrosse zog vor uns her, wir schritten mit ihr über eine breite Schneemasse und erfuhren erst nachher, dass sie unten hohl sei. Hier hatte sich der Winterschnee in eine Bergschlucht eingelegt, um die man sonst herumziehen musste, und diente nunmehr zu einem graden verkürzten Wege. Die unten durchströmenden Wasser hatten sie nach und nach ausgehöhlt [. . .] Von dem Herabstieg sag ich nichts weiter, als dass wir jene Schneebrücke, über die wir in schwerbeladener Gesellschaft vor wenig Tagen ruhig hinzogen, völlig zusammengestürzt fanden.»

 
Auf dem Dach der Autobahngalerie
 
Nach dem steilen Wegstück ist der Dichter nun doch etwas ermüdet, und so setzt er sich bei Meitschligen in den Autobus, der nach Göschenen fährt. Wir wandern weiter, nunmehr auf der Kantonsstrasse. Nach der Einmündung des Fellitals wechseln wir mit der alten Saumroute auf die linke Flussseite. Bis Gurtnellen Wiler folgt man einem Wiesenweglein zwischen Fluss und Bahndamm im nun wieder flacheren Reusstal. Bei Wiler führt eine zweibogige Brücke zurück ans Ostufer, wo die St.-Anna-Kapelle mit ihrem grossen Vordach den einstigen Verlauf des Saumwegs markiert. Links von der Kapelle führt der Wanderweg nun hinauf aufs Dach der Autobahngalerie - eine wohl einzigartige Kombination.
Wassen, dessen Kirche schon lange das Tagesziel markiert hat, wird nach dem Pfaffensprung in einem letzten steilen Anstieg erreicht. Ob es die «Alte Post» war, wo Goethe 1775 sauren lombardischen Wein mit Wasser und Zucker trinkbar machen musste? Der Blockbau aus dem 16. Jahrhundert dominiert noch heute den Dorfplatz von Wassen. Das Zollhaus, wo er im Jahr 1797 logierte, wurde hingegen 1965 abgebrochen es war dem Verkehr im Wege. Wassen ist die Mittelstation der Gotthardroute: Knapp acht Stunden Fussmarsch ist man hier von Altdorf entfernt, und noch sieben Stunden sind es bis zur Passhöhe.

Da die einstige Hauptroute von Wassen nach Göschenen nun von der Kantonsstrasse okkupiert wird, empfiehlt sich für den Weiterweg die westliche Talseite, entweder auf dem bequemen Wanderweg oder, an der St.-Josefs-Kapelle vorbei, auf dem etwas abenteuerlichen Saumpfad. Allerdings: «Natur pur» wird der Gotthard-Wanderer im Haupttal nur momentweise erleben. Dafür entschädigen ihn die historischen Bezüge der Passroute und der Blick auf die auch in diesem Sommer blühenden Autobahnbaustellen, die an Reisetagen zu Staustellen werden.

Verkehrsprobleme am Gotthard gab es schon früher. Goethe hat sie in einem Brief an Charlotte von Stein geschildert: «Auf den Gebirgen ist keine beschwerlichere Reisegesellschaft als Maultiere. Sie halten einen ungleichen Schritt, indem sie, durch einen sonderbaren Instinkt, unten an einem steilen Orte erst stehenbleiben, dann denselben schnell hinaufschreiten und oben wieder ausruhen [. . .] Und so indem man einen gleichen Schritt hält, drängt man sich an ihnen auf dem schmalen Wege vorbei und gewinnt über so eine ganze Reihe den Vorteil. Steht man still, um etwas zu betrachten, so kommen sie einem wieder zuvor, und der betäubende Laut ihrer Klingeln und ihre breit auf die Seite stehende Bürde sind einem hinderlich und beschwerlich.»

Der wieder vereinigte Weg führt zuletzt bergseitig des Bahntrassees nach Göschenen. Von hier aus ist der Teufelsstein nicht zu sehen. Um den berühmten Felsblock, den Goethe gezeichnet und auch im «Faust II» verewigt hat, zu besuchen, muss man sich beim Dorfeingang von Göschenen ins Gewirr der Autostrassen wagen. Hier wird bis ins Jahr 2001 eine Umfahrung erstellt sein, und hier finden wir auch unseren Dichter wieder, der kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt, dass der Teufelsstein wegen des Tunnelportals um 127 Meter von seinem angestammten Platz verschoben worden ist. Dies alles will ihm doch ziemlich mephistophelisch vorkommen.


Über die Teufelsbrücke

Die düsteren Granitmassen der nun bevorstehenden Schöllenenschlucht erschienen schon dem jungen Goethe «schröcklich» und waren nur mit «Not und Müh und Schweiss» zu bewältigen. In Erinnerung daran entschliesst er sich jetzt, die Strecke bis Andermatt mit der Zahnradbahn zurückzulegen. Von Eisenbahnen hat er schliesslich zu seinen damaligen Lebzeiten noch gehört. Zu Fuss braucht man eine Stunde nach Andermatt und kann die perfekte Dramaturgie der berühmten Schlucht erleben: Nachdem sie immer enger und steiler geworden ist, kommt nach einer Wegbiegung überraschend die Teufelsbrücke in Sicht. Es ist nicht mehr diejenige aus Goethes Wandertagen sie zerfiel 1888 -, sondern die von 1830, als der Pass für Kutschen befahrbar gemacht wurde. Über unsern Köpfen spannt sich auch die Autobrücke aus den 1950er Jahren über die tobende Reuss. An dieser Schlüsselstelle des Gotthardwegs gehört die Prominenz für einmal nicht Goethe, sondern dem russischen General Suworow, der sich 1799 mit seinen Soldaten den Durchgang durch die Schlucht erkämpft hat.

Teufelsbruecke   Alte und neue Teufelsbrücke nach1830

Das nahe Urnerloch, der erste Felsdurchstich am Gotthard, ist mittlerweile zu einem betonierten Autotunnel mit anschliessender Galerie erweitert worden, so dass das «freudige Erstaunen» Goethes beim Anblick des Urserentals nicht mehr in gleichem Mass nachvollziehbar ist. Er nannte das Tal sogar «unter allen Gegenden, die ich kenne, die liebste und interessanteste». In Andermatt fühlte sich der junge Autor «sauwohl». So finden wir ihn denn auch vergnügt vor einem «Urschner Teller» mit dem geliebten Alpkäse im Hotel Drei Könige und Post wieder, wo er schon damals eingekehrt war. Das Haus selbst ist nach einem Lawinenschaden 1953/54 neu gebaut worden. Auch in Hospental, das wir nach einstündiger Wanderung durch den flachen Talboden erreichen, war der Name des Hotels Löwen, seiner Unterkunft von 1797, dauerhafter als das damalige Gebäude.

Während wir die letzten 600 Höhenmeter bis zum Hospiz in Angriff nehmen, vertraut sich Goethe in Hospental der Reisepost an, die im Sommer über den Pass fährt. Er hat uns instruiert: «Der Weg geht an der über Felsen sich immer hinabstürzenden Reuss hinauf, und die Wasserfälle bilden hier die schönsten Formen.» Auf dem teilweise von der Armee restaurierten Saumweg gelangen wir in drei Stunden durch die grün-graue Felslandschaft zur Passhöhe. Das Alte Hospiz spiegelt sich in den schneegesäumten Seelein. Dort leben allerdings seit langem keine gastfreundlichen Kapuziner mehr. Der Pass ist im Winter geschlossen, im Sommer herrscht an schönen Tagen sehr weltlicher Touristenrummel.

Bis 18 Uhr bleibt noch Zeit, um das «Museo Nazionale del San Gottardo» zu besuchen. Dort treffen wir unseren Dichter wieder als Porträt in einer Vitrine. Ein kleiner Zettel klebt am Glas. Wir entziffern in deutscher Schrift: «Bin weiter nach Italien. Schönstens grüssend G.»

Literarische Quellen: Tagebücher Goethes von 1775 und 1797, «Briefe aus der Schweiz» von 1779, Brief an Schiller vom 14. 10. 1797, «Dichtung und Wahrheit», 4. Teil.